Alles eine Frage der Zeit - Just a matter of time
An interview with Robert Raths, founder of Erased Tapes. Visit Emerging Fervour to read the English version:
http://www.emergingfervour.com/info/just-a-matter-of-time

Ein Architekturstudium brachte Robert Raths vor sechs Jahren nach London, geblieben ist er allerdings für die Musik. Vor drei Jahren gründete er das Label Erased Tapes und beweist damit ziemlich eindrucksvoll, dass sich "die besten Dinge des Lebens natürlich ergeben."
music is okay: Du hast dein eigenes musikalisches Projekt an den Nagel gehängt um Dich mehr auf Erased Tapes zu konzentrieren. Was war der ausschlaggebende Grund?
Anfangs wollte ich mich selbst musikalisch auszudrücken. Ich habe versucht meine Ideen live zu verwirklichen, aber das hat nicht so richtig geklappt. Es war schwer Musiker zu finden, denen ich mein Konzept näher bringen konnte und die mich danach nicht fragend angucken würden und sagen: "Das habe ich ja noch nie gehört, warum willst Du da denn Streicher haben – wir sind doch eine Band, lass mich doch ein Gitarrensolo spielen..." Ich wollte nicht einfach das machen was alle anderen machten. Aber ich habe einfach mit der Zeit gemerkt, dass das, was ich vereinen wollte, besser für sich alleine steht. Das es so mehr Luft zum Atmen hat und nicht so überlaufen ist. Die musikalischen Elemente, die ich alle in ein Projekt packen wollte, sind im Endeffekt die Sachen, die ich später einzeln aufs Label aufgenommen habe. Irgendwann kam der Punkt, wo ich die Musik anderer Künstler lieber gewonnen habe als meine eigene. Und das fand ich sehr gesund, denn es hat mir gezeigt, dass ich der Beobachter sein möchte, nicht der Schaffende. Ich kann konstruktiv sein und meinen Künstlern helfen. Und bin als Label trotzdem Teil des kreativen Prozesses und schaue wo und wie ich meine Künstler am besten supporten kann. Auf allen Ebenen.
music is okay: Thema Unterstützung; was ist für dich die Aufgabe eines guten Labels?
Ich denke es ist wichtig jemanden zu haben, der auch einfach mal nein sagt. Wenn du Künstler bist und immer nur Leute um Dich hast, die alles super finden, fehlt einfach das Element der konstruktiven Kritik – oder nenn' es Qualitätskontrolle. Klar hat man auch mal Differenzen und fetzt sich, aber es braucht diese Reibung und Auseinandersetzung um am Ende das beste Ergebnis zu haben. Mir geht es darum etwas zu kreieren, was interessant ist und wo die Leute hinhören und hinsehen und was sie im besten Fall selbst inspiriert kreativ zu werden.
music is okay: Wie wirkt sich das auf die direkte Zusammenarbeit mit deinen Künstlern aus?
Die Zusammenarbeit ist vielfältig. Es gibt Künstler auf dem Label, da bin ich Teil des Masterns, Aufnehmens, Arrangierens, Co-Produzierens, bastle oft mit am Konzept und entwerfe das visuelle Gegenstück zur Musik in Form von Cover Artwork oder Video Skripts. Das ist nicht immer der Fall. Als ich die erste Platte von Ólafur gehört habe oder eigentlich sogar nur den ersten Song, war mir sofort klar, das ist perfekt, so wie es ist. Ich hatte nicht das Gefühl, ich müsste Teil des kreativen Prozesses sein, was die Musik angeht, aber trotzdem gab es Bereiche, die noch ausgebaut werden mussten. Zum Beispeil die Tatsache, dass er völlig unbekannt war, noch nie wirklich auf Tour in England war und letztendlich auf der Networking und Marketingebene noch viel Hilfe brauchte. Anfangs habe ich ihm sogar die Shows noch selber gebucht.
Später bei seiner ersten EP war das so, dass er keine Songtitel hatte. Ich habe ihm vorgeschlagen, dass er die wichtigsten Zeilen aus seinen Computer-gesprochenen Gedichten nimmt, sie ins Isländische übersetzt und als Titel benutzt. War eigentlich total einfach, aber manchmal ist es genau das Einfache, was man nicht sieht. Ich bin für alles Ansprechpartner, denn es geht um den Ideenaustausch, darum sich Bälle zuzuspielen.
music is okay: nach welchen Kriterien entscheidest du, ob ein Künstler zum Label passt?
Es ist mir wichtig, dass es sich bei jedem Künstler, den ich aufnehme, um zeitlose Musik handelt. Jemanden zu finden der aus tiefster Seele komponiert und nicht, weil er jemandem gefallen will. Denn nur eine zeitlose Platte überrascht Dich immer wieder und lässt Dich etwas neues entdecken, jedes Mal wenn du sie hörst. Das setzt natürlich die Meßlatte sehr hoch und macht die Entscheidung einen Künstler aufzunehmen oft sehr schwer. Oder im Fall von Nils Frahm sehr einfach. Es war mir sofort glasklar, dass er mit dabei sein muss.
music is okay: Alle Künstler auf deinem Label verbindet die Zeitlosigkeit ihrer Musik, verstreut über sämtliche Genres. Welche Rolle spielt der Begriff "cinematic pop"?
Das cinematic steht für Kopfkino, denn unsere Musik hat viel Platz zwischen den Zeilen. Mir gefällt der Gedanke, dass die Leute ihrer Fantasie freien Lauf lassen können. Den Kontrast dazu bildet der Pop, denn unsere Musik ist keine Nische und soll auch nicht als solche gesehen werden. Ich vertrete meine Künstler und will jemandem wie Ólafur nicht sagen müssen, dass seine Musik "Nische" ist. So was sagt man ja auch nicht zu seinen Kindern – "Du bist irgendwie Nische". Das Gefühl möchte keiner haben.
Eigentlich ist Erased Tapes ein Crossover von Extremen wie Techno oder Klassik zu Pop. Was ich am Begriff Pop mag ist, dass er für etwas sehr Universelles steht, das keine Grenzen kennt. Also wenn die Leute uns schon in eine Schublade stecken wollen, dann wenigstens eine, die offen steht.
music is okay: Momentan wird viel über die Krise der Musikindustrie und den schwindenen Wert von Musik diskutiert. Wie siehst du die Entwicklungen und wie gehst du damit um?
Mir war von Anfang an bewusst, dass ich mich in einer Branche bewege, wo sich eine Menge tut und alle möglichen Statistiken besagen, dass es bergab geht. Aber das was wir machen wird für Menschen immer einen gewissen Wert haben. Die Leute, die unsere Musik mögen und sie einen Teil ihres Lebens werden lassen, werden darin auch immer einen Wert sehen. Wo dieser Wert nun liegt, muss ich den Leuten überlassen. Ob sie das nun in die Platte, ins Konzert oder ein Band T-Shirt investieren, wir müssen darauf eingehen, dass die Zeiten sich ändern und der Wert nicht nur beim physikalischen Produkt liegt.
music is okay: Inwieweit spielt die Zeitlosigkeit der Musik dabei eine Rolle?
Dadurch das unsere Musik zeitlos ist, geben wir uns im Endeffekt selbst mehr Zeit. Es geht bei Erased Tapes um Substanz. Und wenn etwas Beständigkeit und Substanz hat, sind die Leute auch bereit darin zu investieren. Die Musik, die wir machen, wollen und müssen die Leute selber entdecken. Ich glaube weder an Zeitgeist noch daran den Menschen Musik einimpfen zu müssen. Sowas muss auf natürlichem Weg passieren und manchmal dauert es eben ein wenig länger.
music is okay: Und wie lange hältst du noch durch?
Für mich ist es wichtig etwas zu machen, worauf ich stolz bin. Ich wollte immer etwas finden, worin ich aufgehen kann, was meine Berufung ist und das hat die letzten drei Jahre gut funktioniert und es sind so viele Sachen passiert, die ich mir nie erträumt hätte. Aber ich weiss nicht, was morgen passiert und das ist ja auch das Spannende.
music is okay: At the end of music all happiness will be erased. Was bedeutet dieser Satz für dich?
Der Mensch kann ohne Musik nicht existieren. Es geht nicht nur um das was wir kreieren. Das Universum hat einen Klang und wenn dieser Klang nicht mehr da wäre dann wäre es undenkbar still und undenkbar traurig.
Erased Tapes Collection II zum Schnuppern GRATIS mit folgendem Download Code auf http://ddc.erasedtapes.com erhältlich: MY-FREE-ERATP020

http://www.emergingfervour.com/info/just-a-matter-of-time

Ein Architekturstudium brachte Robert Raths vor sechs Jahren nach London, geblieben ist er allerdings für die Musik. Vor drei Jahren gründete er das Label Erased Tapes und beweist damit ziemlich eindrucksvoll, dass sich "die besten Dinge des Lebens natürlich ergeben."
music is okay: Du hast dein eigenes musikalisches Projekt an den Nagel gehängt um Dich mehr auf Erased Tapes zu konzentrieren. Was war der ausschlaggebende Grund?
Anfangs wollte ich mich selbst musikalisch auszudrücken. Ich habe versucht meine Ideen live zu verwirklichen, aber das hat nicht so richtig geklappt. Es war schwer Musiker zu finden, denen ich mein Konzept näher bringen konnte und die mich danach nicht fragend angucken würden und sagen: "Das habe ich ja noch nie gehört, warum willst Du da denn Streicher haben – wir sind doch eine Band, lass mich doch ein Gitarrensolo spielen..." Ich wollte nicht einfach das machen was alle anderen machten. Aber ich habe einfach mit der Zeit gemerkt, dass das, was ich vereinen wollte, besser für sich alleine steht. Das es so mehr Luft zum Atmen hat und nicht so überlaufen ist. Die musikalischen Elemente, die ich alle in ein Projekt packen wollte, sind im Endeffekt die Sachen, die ich später einzeln aufs Label aufgenommen habe. Irgendwann kam der Punkt, wo ich die Musik anderer Künstler lieber gewonnen habe als meine eigene. Und das fand ich sehr gesund, denn es hat mir gezeigt, dass ich der Beobachter sein möchte, nicht der Schaffende. Ich kann konstruktiv sein und meinen Künstlern helfen. Und bin als Label trotzdem Teil des kreativen Prozesses und schaue wo und wie ich meine Künstler am besten supporten kann. Auf allen Ebenen.
music is okay: Thema Unterstützung; was ist für dich die Aufgabe eines guten Labels?
Ich denke es ist wichtig jemanden zu haben, der auch einfach mal nein sagt. Wenn du Künstler bist und immer nur Leute um Dich hast, die alles super finden, fehlt einfach das Element der konstruktiven Kritik – oder nenn' es Qualitätskontrolle. Klar hat man auch mal Differenzen und fetzt sich, aber es braucht diese Reibung und Auseinandersetzung um am Ende das beste Ergebnis zu haben. Mir geht es darum etwas zu kreieren, was interessant ist und wo die Leute hinhören und hinsehen und was sie im besten Fall selbst inspiriert kreativ zu werden.
music is okay: Wie wirkt sich das auf die direkte Zusammenarbeit mit deinen Künstlern aus?
Die Zusammenarbeit ist vielfältig. Es gibt Künstler auf dem Label, da bin ich Teil des Masterns, Aufnehmens, Arrangierens, Co-Produzierens, bastle oft mit am Konzept und entwerfe das visuelle Gegenstück zur Musik in Form von Cover Artwork oder Video Skripts. Das ist nicht immer der Fall. Als ich die erste Platte von Ólafur gehört habe oder eigentlich sogar nur den ersten Song, war mir sofort klar, das ist perfekt, so wie es ist. Ich hatte nicht das Gefühl, ich müsste Teil des kreativen Prozesses sein, was die Musik angeht, aber trotzdem gab es Bereiche, die noch ausgebaut werden mussten. Zum Beispeil die Tatsache, dass er völlig unbekannt war, noch nie wirklich auf Tour in England war und letztendlich auf der Networking und Marketingebene noch viel Hilfe brauchte. Anfangs habe ich ihm sogar die Shows noch selber gebucht.
Später bei seiner ersten EP war das so, dass er keine Songtitel hatte. Ich habe ihm vorgeschlagen, dass er die wichtigsten Zeilen aus seinen Computer-gesprochenen Gedichten nimmt, sie ins Isländische übersetzt und als Titel benutzt. War eigentlich total einfach, aber manchmal ist es genau das Einfache, was man nicht sieht. Ich bin für alles Ansprechpartner, denn es geht um den Ideenaustausch, darum sich Bälle zuzuspielen.
music is okay: nach welchen Kriterien entscheidest du, ob ein Künstler zum Label passt?
Es ist mir wichtig, dass es sich bei jedem Künstler, den ich aufnehme, um zeitlose Musik handelt. Jemanden zu finden der aus tiefster Seele komponiert und nicht, weil er jemandem gefallen will. Denn nur eine zeitlose Platte überrascht Dich immer wieder und lässt Dich etwas neues entdecken, jedes Mal wenn du sie hörst. Das setzt natürlich die Meßlatte sehr hoch und macht die Entscheidung einen Künstler aufzunehmen oft sehr schwer. Oder im Fall von Nils Frahm sehr einfach. Es war mir sofort glasklar, dass er mit dabei sein muss.
music is okay: Alle Künstler auf deinem Label verbindet die Zeitlosigkeit ihrer Musik, verstreut über sämtliche Genres. Welche Rolle spielt der Begriff "cinematic pop"?
Das cinematic steht für Kopfkino, denn unsere Musik hat viel Platz zwischen den Zeilen. Mir gefällt der Gedanke, dass die Leute ihrer Fantasie freien Lauf lassen können. Den Kontrast dazu bildet der Pop, denn unsere Musik ist keine Nische und soll auch nicht als solche gesehen werden. Ich vertrete meine Künstler und will jemandem wie Ólafur nicht sagen müssen, dass seine Musik "Nische" ist. So was sagt man ja auch nicht zu seinen Kindern – "Du bist irgendwie Nische". Das Gefühl möchte keiner haben.
Eigentlich ist Erased Tapes ein Crossover von Extremen wie Techno oder Klassik zu Pop. Was ich am Begriff Pop mag ist, dass er für etwas sehr Universelles steht, das keine Grenzen kennt. Also wenn die Leute uns schon in eine Schublade stecken wollen, dann wenigstens eine, die offen steht.
music is okay: Momentan wird viel über die Krise der Musikindustrie und den schwindenen Wert von Musik diskutiert. Wie siehst du die Entwicklungen und wie gehst du damit um?
Mir war von Anfang an bewusst, dass ich mich in einer Branche bewege, wo sich eine Menge tut und alle möglichen Statistiken besagen, dass es bergab geht. Aber das was wir machen wird für Menschen immer einen gewissen Wert haben. Die Leute, die unsere Musik mögen und sie einen Teil ihres Lebens werden lassen, werden darin auch immer einen Wert sehen. Wo dieser Wert nun liegt, muss ich den Leuten überlassen. Ob sie das nun in die Platte, ins Konzert oder ein Band T-Shirt investieren, wir müssen darauf eingehen, dass die Zeiten sich ändern und der Wert nicht nur beim physikalischen Produkt liegt.
music is okay: Inwieweit spielt die Zeitlosigkeit der Musik dabei eine Rolle?
Dadurch das unsere Musik zeitlos ist, geben wir uns im Endeffekt selbst mehr Zeit. Es geht bei Erased Tapes um Substanz. Und wenn etwas Beständigkeit und Substanz hat, sind die Leute auch bereit darin zu investieren. Die Musik, die wir machen, wollen und müssen die Leute selber entdecken. Ich glaube weder an Zeitgeist noch daran den Menschen Musik einimpfen zu müssen. Sowas muss auf natürlichem Weg passieren und manchmal dauert es eben ein wenig länger.
music is okay: Und wie lange hältst du noch durch?
Für mich ist es wichtig etwas zu machen, worauf ich stolz bin. Ich wollte immer etwas finden, worin ich aufgehen kann, was meine Berufung ist und das hat die letzten drei Jahre gut funktioniert und es sind so viele Sachen passiert, die ich mir nie erträumt hätte. Aber ich weiss nicht, was morgen passiert und das ist ja auch das Spannende.
music is okay: At the end of music all happiness will be erased. Was bedeutet dieser Satz für dich?
Der Mensch kann ohne Musik nicht existieren. Es geht nicht nur um das was wir kreieren. Das Universum hat einen Klang und wenn dieser Klang nicht mehr da wäre dann wäre es undenkbar still und undenkbar traurig.
Erased Tapes Collection II zum Schnuppern GRATIS mit folgendem Download Code auf http://ddc.erasedtapes.com erhältlich: MY-FREE-ERATP020

bangbangrockandroll - 3. Mar, 14:00
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